Hans Liechti - Regisseur BVR - ARF/FDS

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Doris Heinze & Co. - Geschichten, die das Film-Leben schrieb

Ich arbeite seit 45 Jahren beim Film und war einmal ein naiver Mensch. Damals, als mich ein Schauspieler am Anfang eines Spielfilmdrehs zur Bar bat, mich erst privat und beruflich über den Klee lobte und dann vertraulich meinte, ich als Kameramann könnte doch problemlos einen Negativschaden herstellen, da antwortete ich spontan naiv: „Wozu das denn?!“ Damit nachgedreht werde! Pro Tag hätte er dafür DM 4'000.- im Vertrag. Wie’s denn mit Fifti-Fifti wäre?
Ich sagte ihm, dass mich das überhaupt nicht interessieren würde, Nachdrehen sei für mich und alle andern Teammitglieder eine mühselige Sache - sorry, aber was sei das denn für eine Schnaps-Idee?!
Das war für den Schauspieler kein Problem, und wir hatten trotzdem einen guten Abend in Messina.
Er war erstmal abgedreht und reiste am andern Morgen zurück nach Deutschland.
Wir waren mitten im Drehen, als das Labor in Rom einen Negativschaden meldete: Kratzer, bis zur Schicht! Wo der Fehler liege, wisse man noch nicht.
Alle Szenen mit dem Schauspieler mussten nachgedreht werden. Er flog wieder runter nach Messina und kam strahlend und tief beeindruckt auf mich zu. Ich sei ja ein toller Schauspieler, er hätte mir vollkommen geglaubt, dass mich das scheinbar nicht interessieren würde - bravo! Und er steckte mir DM 4'000.- für seine zwei Nachdrehtage in die Tasche.
Ich finanzierte damit eine anständige Kamera-Schnaps-Klappe.

Obwohl das ja eigentlich bereits etwas mit Korruption zu tun hat, oder?

Beim den folgenden Dreharbeiten in Berlin sprach derselbe Schauspieler seine Texte total leise. Es war eher ein Murmeln als ein Sprechen. Niemand verstand ihn, man bequatschte das Problem, und der Regisseur und alle andern waren total genervt. Nach jedem weiteren Take sagte der Schauspieler fröhlich: „Aber jetzt war ich sehr laut!“ - doch auch diesmal war er komplett unverständlich. Wir gerieten ob den Diskussionen in Zeitdruck, mussten weiter Drehen - also wurde beschlossen, dass der Schauspieler bei der Endfertigung im Studio seine Texte nachsynchronisieren werde.
Wie er mir später augenzwinkernd mitteilte, stand in seinem Vertrag: Eventuelle Nachsynchronisation nur mit seiner Stimme - und mit einem Tageshonorar von DM 4'000.-.
Soviel ich weiß, war er dafür sechs Tage beschäftigt.
Eigentlich kriminell, oder?



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Sonst erhielt ich in meiner Zeit als Spielfilmkameramann nur noch ein Angebot: Der Souchef eines Filmlabors rief mich an und meinte, wenn ich ihm meinen nächsten Spielfilm bringen würde, könnte man sich ja mal auch in einem persönlicheren Rahmen treffen.

Der Rest lief unter Geschenke. Mal ein Tausender da, mal einer dort.



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Als ich dann zur Regie wechselte, änderte sich dies etwas: „Sie haben aber eine schöne Uhr!“, sagte der Produzent, als ich endlich ein Treffen mit ihm geschafft hatte und mich bei ihm mit guten Aussichten für die Regie bei einer ARD-Serie bewarb. Etwa drei Mal sagte er das. Ich, naiv, begriff nichts - schickte ihm später natürlich keine Uhr, kam gar nicht auf die Idee, meinte einfach, er hätte mir wirklich nur ein Kompliment für meine Uhr gemacht, die ja auch wirklich eine schöne Uhr ist.
Erst als mir nach mühseligem Nachfragen vom Vorzimmer mitgeteilt wurde, dass ohne mich geplant worden sei, und erst als meine Freundin sagte: „Hättest ihm halt eine Uhr schicken sollen!“, dämmerte es mir etwas.

Ob ich dann wohl den Job gekriegt hätte? Wer weiß...



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Der Ex-Mann einer Redakteurin eines privaten Senders schrieb das Drehbuch eines 90minütigen Pilotfilms für eine TV-Serie, die von der Redakteurin betreut wurde. Das Buch war schlecht und wurde nie fertig. Ich durfte schreiben und umschreiben, soviel ich wollte, was ich auch tat. Über die Credits durfte aber nicht diskutiert werden, schließlich sollen die Senderechte in der Familie bleiben.
Ich hab den Pilotfilm nicht gedreht, sondern konzentrierte mich auf die Folgen, welche bessere Bücher hatten. Allerdings von andern Autoren. Die Redakteurin war sauer auf mich und war nebenbei an einem Tonstudio beteiligt, was ich erst später erfuhr. Dieses machte natürlich die Musik für die Serie. Als ich zur Mischung ging, war keine Musik da. Ich konnte lediglich eine Vormischung machen und ging wieder nach Hause.
Die versprochene Information, wann die Musik bereit sei, kam nie. Nach mühsamen ‚Bittibätti’ (CH-Deutsch für „flehentliches Bitten“), erhielt ich Kassetten „meiner“ Filme. Sie waren 45 Minuten lang und während 43 davon lief Musik. Wie wenn jemand vergessen hätte, das nervende Radio im Hintergrund abzustellen.

Wichtig war in dem Fall viel Musik. Musikrechte, die Geld bringen.



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In der Schweiz werden neue TV-Serienprojekt ausgeschrieben. So bewarben sich ca. 15 Produktionsgesellschaften für den neuen Auftrag. Drei Firmen kamen in die Endauswahl mit der Aufforderung, innert acht Wochen ein vollständiges Produktionsdossier zu erstellen und einzugeben.
Für eine dieser Firmen wurde ich als ehrenamtlicher Supervisor zu Rate gezogen und investierte ca. drei Wochen in Studiobau, Licht, Kamera (Look), Team, Besetzung - mit der mündlichen Absprache, später dafür anfänglich die Regie zu machen.
Einen Tag vor der Eingabe rief mich ein guter Freund (einer der Produzenten von einer der bereits ausgeschiedenen Firmen) an und bat mich zum Gespräch. Da sagte er mir, dass seine Firma nun doch auch noch Eingeben könne, der Termin sei um vier Tage verlängert worden. Nun hätte ich doch an einer solchen Eingabe bei der Konkurrenz gearbeitet - ob ich ihm nicht ein paar Tipps geben könne? Das müsste ich ja auch nicht unbedingt gratis tun.
Ich dachte, spinnt der? - und sagte ihm, das könne er vergessen, ich würde keine Werkspionage betreiben. Und fügte bedauernd hinzu, seine Firma hätte ja eh keine Chance. Wie soll sie denn in vier Tagen etwas herstellen, wofür die andern acht Wochen benötigten?
Die Firma erhielt den Auftrag.
Eine große Tageszeitung war an ihr beteiligt.
Der verantwortliche Abteilungsleiter des Senders und der Produzent waren gut befreundet.
Der Produzent hatte ein Ferienhaus im Süden...
Oder so.
Oder, wie denn, bitte schön, sonst?



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Die folgende Geschichte dreht sich quasi um die Vorbereitung zur Korruption.
Erst bringt man die zum Schweigen, die den Mund aufmachen.
Bzw., das passiert denen, die sich nicht alles bieten lassen.

Das Drehbuch für die Folge einer Serie lag beim Drehen nicht vor, obwohl während Monaten schon einige Autoren daran geschrieben hatten.
Was tun? Dreh verschieben und später wieder aufnehmen?
Doch das gesamte Team war unter Vertrag, eine Verschiebung hätte die Produktion rund 100'000 Euro gekostet, und so wurde ich von ihr und der zuständigen Redakteurin inständig gebeten, das Buch komplett neu zu schreiben. Zusammen besprachen und einigten wir uns auf den Ablauf, dann wurden zwei Tage Drehpause angesagt, sodass ich inklusive Wochenende vier Tage Zeit dafür hatte. Dazu ein halbes Autorengehalt und 25% der Autorenrechte.

Ich schrieb in dreieinhalb Tagen und Nächten ein neues Buch. Die Redakteurin, die Produktion, die SchauspielerInnen, das Team - alle waren begeistert davon und sehr erleichtert, dass nun weiter gedreht werden konnte. Was wir, in meinem Falle trotz enormen Schlafmanko, auch engagiert taten.
Doch die Chefredakteurin (sie kannte ich zu der Zeit nur dem Namen nach) ließ mir am ersten Drehtag am Set via die Produzentin ausrichten, sie hätte einen gravierenden Drehbucheinwand, dessen Bereinigung mindestens eine weitere Nacht Umschreiben in Anspruch nehmen und der sachlich eine viel flachere Dramaturgie ergeben würde. Das schrieb ich der Chefredakteurin in einem netten Brief.
Ein großer Fehler.
Am andern Morgen war die Redakteurin verschwunden, und die Produzentin richtete mir aus, die Chefredakteurin sei total sauer auf mich. Und sie erwarte, dass ich das Buch in ihrem Sinne bis Morgen umschreibe.
Ich biss in den sauren Apfel, motivierte mich und schrieb wie geheissen um. Gleich anschließend drehten wir den Film in guter Stimmung, er wurde pünktlich fertig gestellt und war sogar gut.
Was das Team und die Produktion sehr erfreute. Ich wurde gelobt und gepriesen und die Produktion sprach mit mir bereits über andere, lockende Aufgaben...
Bei der Abnahme sah ich die Chefredakteurin zum ersten Mal. Sie grüßte mich nicht, stöhnte ein paar Mal während der Vorführung entnervt auf, sah mich nie an und ging grußlos davon. Mir wurde ausgerichtet, dass sie den Film fürchterlich findet.

Als ich das geschluckt hatte und bei der Produktion anfragte, wann die Filme gemischt werden würden, wurde mir mitgeteilt, dass dies schon geschehen sei. Und die Produzentin schwärmte in den höchsten Tönen von der feinen, emotionellen Musik.
Ich sah mir die Filme bei der Sendung an und hörte während den 45 Minuten wieder 43 Minuten lang hintergründige Radiomusik.
Diesmal kannte die Produzentin einen Musiker mit Studio.

Seither sind Jahre vergangen. Ich habe weder von der Produktion noch von der Redaktion je wieder etwas gehört.


DOCH, ICH MUSS ES SAGEN: ES GIBT IN DER BRANCHE GOTT SEI DANK AUCH ANDERE!